Technologieoffenheit – jetzt aber richtig

Ein Vorwort von Ludwig Möhring für die WELT-Beilage „Analyse: Für ein umweltbewusstes Deutschland“

Die Corona-Pandemie beeinträchtigt unser gesellschaftliches Leben und sie bedroht unsere volkswirtschaftliche Basis. Gleichzeitig ergibt sich die Gelegenheit, dass die Politik wichtige Anpassungen an ihrer Energie- und Klimaschutzpolitik ergreift.

Dass laut der Internationalen Energieagentur im Jahr 2020 der Energieverbrauch um rund 6% und die CO2-Emissionen um bis zu 8% zurückgehen, bleibt vermutlich ohne nachhaltige Effekte. Eine wieder anspringende globale Wirtschaft mag ähnlich wie nach der Finanzkrise schnell wieder zu alten Zahlen kommen. Anderen Aspekten wird größere Bedeutung zukommen: Die sich nun abzeichnenden Zeiten knapper Kassen werden auch in Deutschland dazu führen, dass der Staat seine Ausgaben sehr viel sorgfältiger abwägen muss. Der nahende Bundestagswahlkampf erfordert klare Statements, die den Bürgern Perspektiven aus den Folgen der Corona-Pandemie aufzeigen. Dabei darf der Klimaschutz nicht unter die Räder kommen. Die Bürger wollen wissen, dass ihr Steuergeld klug eingesetzt wird – auch nach zehn Jahren Energiewende.

Für die Klimaschutzbemühungen ergibt sich daraus die große Chance, dass Technologieoffenheit nicht nur als Phrase bemüht, sondern dass sie gelebt wird. Es gibt gute Anzeichen, dass dies gelingen kann. Die breite Akzeptanz folgender Eckpunkte wird entscheidend für den Erfolg sein:

  1. Deutschland bleibt langfristig ein erfolgreicher Industriestandort, der attraktive Arbeitsplätze und Raum für innovative Kräfte schafft.
  2. Klimaschutz wird ausgerichtet an konsequenter CO2-Einsparung in allen Lebensbereichen.
  3. Wind und Sonne, die heute gerade 7% des deutschen Endenergiebedarfs decken, können nicht alle Energiefragen lösen, erst recht nicht im langen Übergang zur CO2-armen Gesellschaft. Erdgas und Erdöl, mit aktuell 60% Anteil am deutschen Energiemix, werden unverzichtbar bleiben – natürlich mit sinkenden Mengen in der zunehmend erneuerbaren Energielandschaft und CO2-reduziert.
  4. Energiewende heißt nicht „entweder… oder“, sondern „sowohl … als auch“! Sie erschöpft sich nicht im konsequenten Ausbau von erneuerbarem Strom und der dazugehörigen Infrastruktur. Daneben muss auch der Ausbau klimaneutraler Gase und der damit verbundenen Anwendungstechnologien betrieben werden. Gelebte Technologieoffenheit schafft Raum für Wasserstoff-basierte Techniken, alternative (synthetische) Kraftstoffe, den Ausbau der Geothermie und vieles mehr.
  5. Grüner Wasserstoff wird konsequent entwickelt, aber realistisch in den Gesamtkontext eingebunden. Der Glaube an den Hochlauf einer deutschen Wasserstoff-Industrie in erster Linie auf Basis von erneuerbarem Strom erliegt zwei Irrtümern: (1) Überschätzung der (inter-)nationalen der Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff und (2) Unterschätzung der erforderlich Wasserstoffmengen für den industriellen Einsatz z.B. in Stahlwerken. Einen zeitnaher Hochlauf bezieht klimaneutralen blauen Wasserstoff und die Nutzung der Erdgasinfrastruktur nicht nur als Lippenbekenntnis mit ein, sondern ermöglicht die zwingend notwendige schnelle Skalierung. So schafft Politik Vertrauen entlang der Wertschöpfungskette in Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Blauer Wasserstoff verstellt nicht die Entwicklung von wasserstoff-basierter Anwendungstechnologien, sondern er ermöglicht sie überhaupt erst.
   

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