Die Branche | zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2026
Lithiumproduktion in Deutschland: Potenziale, Prozesse und Perspektiven
Lithium ist ein zentraler Rohstoff für die Energiewende. Als Schlüsselkomponente für Batterien in Elektrofahrzeugen, stationären Speichern und weiteren Anwendungen gilt Lithium sowohl als kritischer als auch als strategischer Rohstoff im Sinne des europäischen Critical Raw Materials Act (CRMA). Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, welchen Beitrag eine heimische Lithiumproduktion in Deutschland zur Versorgungssicherheit und industriellen Wertschöpfung leisten kann.
Warum Lithium für Deutschland strategisch relevant ist
Zugleich verfolgt die EU das Ziel, bis 2030 rund zehn Prozent ihres Lithiumverbrauchs aus eigener Förderung zu decken. Heimische Projekte können damit einen Beitrag leisten, Importabhängigkeiten – etwa von Australien, Chile oder China – zu reduzieren und europäische Industriepolitik zu unterstützen.
Lithiumgewinnung über Bohrlochbergbau: Ein etablierter Ansatz
Entgegen einer verbreiteten Annahme ist Deutschland nicht rohstoffarm. Lithium kommt hierzulande unter anderem in tiefen, hochsalinaren Wässern vor, die über Bohrungen erschlossen werden können. Dieses Verfahren wird als Bohrlochbergbau bezeichnet.
Die zugrunde liegenden Technologien sind seit Jahrzehnten etabliert:
- Tiefbohrtechniken aus der Erdgas- und Erdölförderung
- Verfahren aus der Tiefengeothermie
- Industriell erprobte Methoden zur Förderung und Reinjektion von Thermalwasser
Die Lithiumgewinnung aus Tiefenwässern gilt dabei als flächenarm, da hierfür im Vergleich zu anderen Verfahren oberirdisch nur eine geringe Fläche benötigt wird. Dazu kommt, dass sie unter bestehenden regulatorischen Rahmenbedingungen umgesetzt werden kann.
Von der Förderung zum Batterie-Rohstoff: Die Wertschöpfungskette
Die Herstellung von Lithiumhydroxid oder Lithiumcarbonat in Batteriequalität erfolgt in mehreren Schritten:
- Förderung der Tiefenwässer
Lithium liegt im Tiefenwasser gelöst als Lithium-Ion (Li⁺) vor. Das Thermalwasser wird aus mehreren tausend Metern Tiefe an die Oberfläche gefördert. - Direkte Lithiumextraktion (DLE)
In der DLE werden Lithiumionen mithilfe von Adsorptions-, Ionenaustausch- oder Membranverfahren selektiv aus dem Wasser entfernt.Das gewonnene Lithium wird schrittweise aufkonzentriert und gereinigt.Das lithiumarme Wasser wird anschließend wieder in den Untergrund zurückgeführt. - Raffination zu Lithiumchemikalien
In einem nachgelagerten chemischen Prozess entsteht ein hochreiner Feststoff – Lithiumhydroxid oder Lithiumcarbonat in sogenannter battery-grade-Qualität, der für die Zellfertigung benötigt wird.
Diese Kombination aus Tiefbohrtechnik und DLE wird derzeit aus Pilot- in industrielle Anwendungen überführt.
Vorteile einer heimischen Lithiumproduktion
Eine inländische Gewinnung bietet mehrere strukturelle Vorteile:
- Stärkung der Versorgungssicherheit und Reduzierung geopolitischer Abhängigkeiten
- Aufbau einer industriellen Wertschöpfungskette in Deutschland
- Nutzung vorhandener technischer Expertise und regulatorischer Erfahrung
- Geringe Flächeninanspruchnahme im Vergleich zu anderen Fördermethoden
- Kombinierbarkeit mit Tiefengeothermie zur Bereitstellung erneuerbarer Wärme
Damit kann Lithiumgewinnung auch systemische Mehrwerte für Energie- und Wärmewende entfalten.
Aktueller Stand der Projekte
In Deutschland befinden sich erste Vorhaben in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen:
- In Rheinland-Pfalz ist eine kombinierte Geothermie- und Lithiumanlage geplant, mit Produktionsstart ab 2028.
- In Sachsen-Anhalt läuft seit 2025 eine Pilotphase zur direkten Lithiumextraktion.
Weitere Explorationsprojekte im Norddeutschen Becken sollen klären, ob zusätzliche Vorkommen wirtschaftlich nutzbar sind.
Wirtschaftliche und strukturelle Herausforderungen
Diese Faktoren erhöhen die Unsicherheit für Investoren und Industrie gleichermaßen. Gleichzeitig eröffnen sie Potenziale für Lernkurven, technologische Optimierung und industrielle Skalierung in Deutschland.
Einordnung
Deutschland hat die technologischen, geologischen und industriellen Voraussetzungen, um einen Beitrag zur heimischen Lithiumversorgung zu leisten. Erste Projekte zeigen, dass eine umweltverträgliche Produktion im industriellen Maßstab möglich ist. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Wertschöpfungskette weiterzuentwickeln und verlässliche Rahmenbedingungen für einen nachhaltigen Hochlauf zu schaffen.
Kontakt:
Ingo Forstner
