Die Gasspeicher sind nur halbvoll, die Krise in der Straße von Hormus belastet den globalen LNG-Markt, und die Gaspreise sind deutlich gestiegen. Gleichzeitig ist Deutschland nach dem Ende der russischen Pipeline-Lieferungen massiv auf LNG und damit der Dynamik des globalen Erdgasmarktes ausgesetzt. Und: droht uns künftig jeden Sommer die gleiche Debatte über die Gasversorgung im bevorstehenden Winter – oder steckt hinter der aktuellen Lage ein grundsätzliches strategisches Problem?
Eine Folge über die strategische Absicherung der deutschen Erdgasversorgung – und darüber, warum Politik für eine erfolgreiche Transformation auch eine durchdachte Langfriststrategie für Erdgas benötigt, solange es in Deutschland noch genutzt wird.
Wie kritisch sind die aktuellen Speicherstände für den kommenden Winter?
Die deutschen Gasspeicher sind bislang etwa halb gefüllt. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass im Winter eine Versorgungskrise droht. Nach Möhrings Einschätzung hängt die weitere Entwicklung von mehreren Faktoren ab: davon, wie viel Gas in den kommenden Monaten noch eingespeichert wird, wie sich die Preise entwickeln und vor allem davon, wie kalt der Winter wird.
Besonders relevant werden die Speicher bei einer längeren Kälteperiode im Februar oder März. Dann steigt der Gasverbrauch stark an und die Speicher müssen zusätzlich zu Importen und heimischer Produktion einen Teil des Bedarfs decken.
Möhring bezeichnet die aktuelle Situation deshalb als möglicherweise kritisch. Ob daraus tatsächlich ein Versorgungsproblem entsteht, entscheidet sich erst im Zusammenspiel von Speicherbefüllung, verfügbaren Gasmengen und Wetter.
Warum sind Gasspeicher für die Versorgung im Winter so wichtig?
Deutschland erhält auf Jahresbasis rund 95 Prozent seines Erdgases über Importe, der Rest wird im Inland produziert. Während der Heizperiode steigt der Verbrauch jedoch so stark an, dass die verfügbaren Importmengen und die heimische Produktion an besonders kalten Tagen nicht ausreichen.
Dann kann der Tagesbedarf auf mehr als 5 TWh steigen, während über Importe und heimische Produktion rund 4 TWh pro Tag zur Verfügung stehen. Es entsteht also eine Lücke von etwa 1 TWh pro Tag oder mehr. Genau hier übernehmen die Gasspeicher ihre zentrale Funktion: Sie stellen im Winter zusätzliche Mengen bereit, die zuvor eingespeichert wurden.
Dass Deutschland im Winter auf seine Speicher zurückgreifen muss, ist deshalb grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist, ob bei einer längeren Kälteperiode noch genügend Gas gespeichert ist.
Warum sind die Gasspeicher nicht stärker gefüllt?
Damit Unternehmen Gas einspeichern, muss sich das Geschäft wirtschaftlich rechnen. Üblicherweise wird Gas zu einem niedrigeren Preis gekauft und eingespeichert, um es später im Winter zu einem höheren Preis verkaufen zu können.
Genau dieser Preisunterschied fehlt derzeit. Teilweise liegen die Preise für Januar und Februar auf dem Terminmarkt sogar unter den aktuellen Beschaffungspreisen. Wer heute Gas kauft und zusätzlich für die Speicherung bezahlt, hat damit keinen ausreichenden wirtschaftlichen Anreiz zur Einspeicherung.
Möhring sieht noch einen zweiten möglichen Effekt: Staatlich vorgegebene Mindestfüllstände könnten bei Marktteilnehmern die Erwartung wecken, dass im Zweifel der Staat selbst für zusätzliche Speicherbefüllung sorgt. Unternehmen könnten sich deshalb mit eigenen Einspeicherungen zurückhalten. Möhring plädiert daher dafür, wieder stärker auf Marktmechanismen zu setzen.
Warum ist Deutschlands Gasversorgung heute anders als vor 2022?
Deutschlands Gasversorgung basierte lange auf großen Pipeline-Lieferungen. Allein aus Russland kamen Anfang 2022 noch mehr als 1,7 TWh Erdgas pro Tag. Hinzu kamen über Jahrzehnte Mengen aus dem niederländischen Groningen-Feld, dessen Förderung inzwischen beendet wurde.
Diese Mengen werden heute wesentlich durch LNG ersetzt. Damit verändert sich nicht nur die Herkunft des Gases, sondern auch die Funktionsweise der Versorgung. LNG wird weltweit gehandelt und kann per Schiff dorthin gebracht werden, wo entsprechende Nachfrage besteht. Ein LNG-Tanker kann beispielsweise zwischen europäischen und asiatischen Absatzmärkten umgeleitet werden – bei einer Pipeline ist eine solche Flexibilität nicht gegeben.
Deutschland ist damit stärker Teil eines globalen Wettbewerbs um verfügbare Gasmengen. Daraus ergibt sich die Frage, wie die benötigten Erdgaslieferungen sowohl kurz- als auch langfristig abgesichert werden können.
Welche Rolle spielen geopolitische Risiken und der globale LNG-Markt?
Mit der stärkeren Bedeutung von LNG verändert sich auch die Risikostruktur der deutschen Gasversorgung. Neben dem Wetter, den Speicherständen und verfügbaren Importkapazitäten können Entwicklungen an weit entfernten Punkten der globalen Lieferketten unmittelbare Auswirkungen auf Europa haben.
Ein Beispiel ist die Krise in der Straße von Hormus. Nach Möhrings Darstellung sind infolge der Krise rund 20 Prozent des globalen LNG-Marktes weggefallen. Gleichzeitig konzentriert sich ein großer Teil des weltweiten LNG-Angebots auf wenige Länder: Die USA, Katar und Australien stehen zusammen für mehr als 60 Prozent des globalen Marktes.
Für Möhring zeigt sich daran, dass die Verfügbarkeit von LNG nicht allein eine Frage vorhandener Gasvorkommen ist. Entscheidend ist auch, welche Mengen tatsächlich auf den Weltmarkt gelangen und unter welchen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sie für Europa verfügbar sind. Deutschland und die EU sollten sich deshalb aus seiner Sicht nicht allein darauf verlassen, benötigtes Gas jederzeit kurzfristig am Weltmarkt beschaffen zu können.
Was bedeuten die hohen Gaspreise für die Versorgung?
Zum Ausgang des Sommers liegen die Gaspreise bei mehr als 70 Euro pro MWh, gegenüber rund 30 Euro pro MWh vor der Hormus-Krise. Auch bei den längerfristigen Erwartungen hat sich das Preisniveau deutlich verändert: Die Terminpreise für 2027 sind von unter 30 Euro auf mehr als 50 Euro pro MWh gestiegen.
Die Preisentwicklung ist dabei nicht nur für Verbraucher relevant. Sie beeinflusst auch die Speicherbefüllung und damit die Vorbereitung auf den Winter. Sind die aktuellen Beschaffungspreise hoch und versprechen die Terminpreise keinen ausreichenden Preisaufschlag für den Winter, fehlt Unternehmen der wirtschaftliche Anreiz, zusätzliches Gas einzuspeichern.
Möhring warnt deshalb davor, die aktuelle Situation allein als Preisproblem zu behandeln. Maßnahmen wie eine Abschaffung von Umlagen oder eine niedrigere Mehrwertsteuer könnten Verbraucher kurzfristig entlasten, änderten aber nichts an der Frage, woher die benötigten Gasmengen kommen. Aus seiner Sicht muss deshalb auch die langfristige Versorgung in den Blick genommen werden.
Welche Rolle können langfristige LNG-Verträge spielen?
Deutschland hat mit LNG-Terminals und den Verbindungen zu seinen europäischen Nachbarstaaten neue Möglichkeiten geschaffen, Gas zu importieren. Für Möhring ist damit allerdings erst die Infrastruktur vorhanden. Im nächsten Schritt müsse stärker abgesichert werden, dass langfristig auch entsprechende Gasmengen zur Verfügung stehen.
Wer sich vor allem auf den Spotmarkt verlässt, kauft Gas kurzfristig zu den jeweils aktuellen Marktbedingungen. Möhring sieht darin für Deutschland ein Risiko: Wer benötigte Mengen erst kurzfristig am Spotmarkt beschafft, könnte von den Lieferanten erst spät und dann möglicherweise zu hohen Preisen bedient werden.
Langfristige Lieferverträge könnten aus seiner Sicht deshalb sowohl die Liefersicherheit erhöhen als auch bessere Preiskonditionen ermöglichen. Gleichzeitig argumentiert Möhring, dass solche Verträge nicht automatisch die Erdgasnutzung in Deutschland verlängern. LNG wird bereits heute teilweise „free on board“ eingekauft und kann damit grundsätzlich auch an andere Absatzmärkte weiterverkauft beziehungsweise verschifft werden.
Warum braucht Deutschland eine Gasstrategie für die Transformation?
Beim Erdgas geht es nicht nur um das langfristige Ziel einer dekarbonisierten Energieversorgung, sondern auch um den Weg dorthin. Solange Erdgas während der Transformation noch benötigt wird, stellt sich die Frage, wie die Versorgung in dieser Übergangsphase organisiert und abgesichert werden kann.
Möhring fordert deshalb eine kohärente Erdgasstrategie als integralen Bestandteil der Transformationsstrategie. Darin müssten der Hochlauf alternativer Energien und der gleichzeitig sinkende Erdgasverbrauch zusammengedacht werden. Aus seiner Sicht fehlt bislang ein ausreichender strategischer Rahmen dafür, wie Deutschland seinen Gasbedarf während dieses Übergangs deckt.
Zu einer solchen Strategie gehören für ihn unter anderem funktionierende Rahmenbedingungen für die Speicherbefüllung, langfristige Lieferverträge, eine stärkere Positionierung Deutschlands und Europas auf dem globalen Gasmarkt sowie die heimische Erdgasförderung.
Warum tut sich die Politik mit langfristigen Lösungen für die Erdgasversorgung schwer?
Obwohl Energiepreise und Versorgungssicherheit politisch viel Aufmerksamkeit erhalten, sieht Möhring bislang zu wenig Bereitschaft, sich langfristig mit der Erdgasversorgung auseinanderzusetzen. Stattdessen konzentriere sich die Politik häufig auf kurzfristige Lösungen für akute Probleme.
Einen Grund sieht er in der Wahrnehmung von Erdgas: Weil Deutschland langfristig aus fossilen Energien aussteigen will, könne eine Beschäftigung mit der zukünftigen Gasversorgung schnell als Bekenntnis zu einer längeren Erdgasnutzung verstanden werden. Gleichzeitig zeigen strategische Entscheidungen ihre Wirkung häufig erst mit der Zeit.
Möhring fordert deshalb, die Erdgasversorgung ausdrücklich als Teil der Transformationsstrategie zu behandeln. Der Hochlauf von Alternativen und der sinkende Erdgasverbrauch müssten gemeinsam betrachtet und mit realistischen Entwicklungskorridoren verbunden werden. Dazu zählt er auch politische Signale für langfristige Lieferverträge und strategische Partnerschaften mit Lieferländern.
Auch die gesellschaftliche Debatte spielt für ihn eine Rolle: Würden relevante gesellschaftliche Gruppen eine sichere Erdgasversorgung während der Transformation stärker einfordern, würde aus seiner Sicht auch die Politik stärker aktiv.
Welche Rolle kann die heimische Erdgasförderung spielen?
Erdgas, das in Deutschland produziert wird, muss nicht über internationale Lieferketten importiert werden. Für Möhring ist die Weiterentwicklung der heimischen Erdgasförderung deshalb ein weiterer Bestandteil einer langfristigen Gasstrategie.
Damit verbindet er drei Ziele: bezahlbare Energie, Versorgungssicherheit und geringere Emissionen der Lieferkette. Bei den Emissionen verweist Möhring insbesondere auf den alternativ notwendigen LNG-Import, dessen CO₂-Emissionen nach seiner Aussage bis zu 30 Prozent höher sein können. Voraussetzung für eine Weiterentwicklung der heimischen Förderung sei die Einhaltung der Umweltschutzauflagen.
Aus seiner Sicht sollte die Bundesregierung deshalb nicht nur die internationalen Bezugswege absichern, sondern auch einen Aktionsplan für die Weiterentwicklung der heimischen Gasressourcen vorlegen.