Die EU-Methanverordnung verfolgt ein wichtiges Ziel: Methanemissionen entlang der Öl- und Gaslieferkette systematisch erfassen und weiter reduzieren. Doch während die Unternehmen an der Umsetzung arbeiten, zeigen sich zunehmend erhebliche praktische und politische Herausforderungen. Droht die Verordnung am Praxistest zu scheitern?
Außerdem werfen wir einen Blick auf die internationale Dimension der Verordnung: Ab 2027 sollen auch Erdgasimporte die europäischen Methanstandards erfüllen. Doch wichtige LNG-Lieferländer stellen sich gegen die Vorgaben und warnen vor den Folgen für den internationalen Gashandel. Wir diskutieren, ob die EU ihre regulatorische Gestaltungskraft gegenüber dem globalen LNG-Markt überschätzt, welche Auswirkungen das auf Versorgungssicherheit, Energiepreise und die Wettbewerbsfähigkeit Europas haben könnte und warum Klimaschutz nur dann erfolgreich sein kann, wenn ambitionierte Ziele und internationale Realitäten zusammenpassen. Eine Folge über die Balance zwischen wirksamer Regulierung, Versorgungssicherheit, geopolitischer Realität und – last not least – die Notwendigkeit von internationaler Kollaboration.
Die wichtigsten Aussagen und Hintergründe zur EU-Methanverordnung, ihren praktischen Herausforderungen und den möglichen Folgen für die Erdgasversorgung haben wir hier kompakt zusammengefasst.
Die EU-Methanverordnung soll Methanemissionen entlang der Erdgaslieferkette systematisch erfassen und verringern. In der praktischen Umsetzung zeigen sich jedoch Schwierigkeiten: Unternehmen sehen sich mit unklaren Vorgaben, fehlenden Prüfstellen und offenen Zuständigkeiten konfrontiert. Gleichzeitig sorgen die Anforderungen an importiertes Erdgas für Konflikte mit wichtigen internationalen Lieferländern.
Dr. Ludwig Möhring unterstützt das Ziel, Methanemissionen weiter zu reduzieren. Er kritisiert jedoch, dass die EU bei der Umsetzung der Verordnung technische Möglichkeiten, wirtschaftliche Folgen und die veränderten Bedingungen auf dem globalen Gasmarkt aus seiner Sicht nicht ausreichend berücksichtigt. Er fordert praktikable Regeln, eine stärkere internationale Abstimmung und eine Politik, die Klimaschutz und Versorgungssicherheit gemeinsam betrachtet.
Was soll die EU-Methanverordnung erreichen?
Die EU-Methanverordnung soll Methanemissionen entlang der Erdgaslieferkette systematisch messen, transparent machen und reduzieren. Dazu gehören Emissionen bei der Förderung, an Importpunkten und LNG-Terminals sowie im Erdgasnetz und bei Erdgasspeichern.
Unternehmen sollen unter anderem regelmäßig Messungen durchführen, Leckagen beseitigen und das Ablassen sowie Abfackeln von Methan verringern. Damit schafft die Verordnung einen rechtlichen Rahmen, um Methanemissionen über verschiedene Bereiche der Gasversorgung hinweg zu erfassen und zu begrenzen.
Möhring unterstützt diese Zielsetzung ausdrücklich. Er verweist darauf, dass deutsche Erdgas- und Erdölproduzenten ihre Methanemissionen bereits seit Beginn der 1990er-Jahre um mehr als 90 Prozent reduziert haben. Die weitere Verringerung sei auch wirtschaftlich sinnvoll, weil Methan der Hauptbestandteil von Erdgas ist und entweichendes Gas nicht verkauft werden kann.
Warum gibt es Probleme bei der Umsetzung der EU-Methanverordnung in Deutschland?
Die Verordnung stellt Unternehmen vor neue Mess-, Prüf- und Berichtspflichten. Nach Möhrings Darstellung sind jedoch zahlreiche Einzelheiten der Umsetzung noch ungeklärt. Teilweise fehlen zuständige Behörden oder die für vorgeschriebene Prüfungen benötigten zertifizierten Prüfstellen.
Ein Beispiel sind Auditierungen durch sogenannte Verifier. Wenn diese Prüfstellen nicht rechtzeitig verfügbar sind, können Unternehmen bestimmte Berichtspflichten trotz entsprechender Bemühungen nicht in der vorgeschriebenen Form erfüllen. Möhring verweist außerdem auf Anforderungen, die aus seiner Sicht nicht ausreichend zu betrieblichen Abläufen passen, etwa bei zeitlich begrenzten Produktionstests.
Besonders problematisch ist für ihn, dass eine solche Nichterfüllung mit Bußgeldern verbunden sein kann. Er betont dabei den Unterschied zwischen tatsächlichen Defiziten bei der Umsetzung und nachgewiesenen Rechtsverstößen. Gerade in der Anfangsphase einer neuen Regulierung dürften Schwierigkeiten nicht vorschnell als bewusste Missachtung gesetzlicher Pflichten bewertet werden.
Möhring fordert deshalb klare Zuständigkeiten, praktikable Vorgaben und eine zügige Klärung offener Fragen. Zudem sollte regelmäßig überprüft werden, ob der technische und wirtschaftliche Aufwand einzelner Anforderungen in einem angemessenen Verhältnis zur tatsächlich erreichten Emissionsminderung steht.
Warum betrifft die EU-Methanverordnung auch Erdgasimporte?
Methanemissionen können bereits bei der Förderung und beim Transport von Erdgas entstehen, bevor das Gas die EU erreicht. Die Methanverordnung soll deshalb nicht nur Emissionen innerhalb Europas erfassen, sondern auch Anforderungen an importiertes Erdgas stellen.
Ab 2027 müssen europäische Importeure nach den im Podcast erläuterten Vorgaben sicherstellen, dass ihre Lieferanten Anforderungen einhalten, die denen der EU-Methanverordnung entsprechen. Dafür benötigen sie entsprechende Nachweise und vertragliche Zusicherungen ihrer Lieferanten.
Möhring hält es grundsätzlich für richtig, Methanemissionen auch außerhalb der EU zu reduzieren. Er weist jedoch darauf hin, dass die EU bei internationalen Lieferungen auf die Mitwirkung von Produzenten und Regierungen außerhalb ihres eigenen Rechtsraums angewiesen ist. Genau daraus entstehen aus seiner Sicht erhebliche Schwierigkeiten.
Welche Folgen könnte die Methanverordnung für LNG-Importe und Erdgaspreise haben?
Wichtige internationale Erdgaslieferländer haben nach Möhrings Darstellung deutlich gemacht, dass sie die europäischen Anforderungen in der vorgesehenen Form und innerhalb des gesetzten Zeitplans nicht erfüllen können. Im Podcast verweist er insbesondere auf einen gemeinsamen Brief zuständiger Ministerien aus den USA, Katar, Algerien und Nigeria.
Können oder wollen internationale Lieferanten die Einhaltung der Vorgaben nicht zusichern, können europäische Importeure entsprechende Mengen möglicherweise nicht regelkonform beziehen. Möhring befürchtet deshalb, dass sich das Angebot für den europäischen Markt verknappt und die Erdgaspreise steigen.
Wie stark dieser Effekt ausfallen würde, hängt aus seiner Sicht davon ab, wie viele Lieferanten tatsächlich bereit und in der Lage sind, die Vorgaben zu erfüllen. Eine neue Versorgungskrise ist damit nicht zwangsläufig vorgegeben, das Risiko sollte seiner Einschätzung nach aber ernst genommen werden.
Warum kann die EU ihre Methanvorgaben auf dem globalen LNG-Markt nur schwer durchsetzen?
Die EU kann Anforderungen für Erdgas festlegen, das in ihren Markt eingeführt wird. Ob internationale Lieferanten diese Bedingungen akzeptieren, hängt jedoch auch davon ab, welche anderen Absatzmöglichkeiten sie haben.
Möhring verweist auf die Entstehungszeit der Methanverordnung im Umfeld des European Green Deal. Damals war die europäische Gasversorgung noch deutlich stärker von Pipelinegas geprägt, insbesondere aus Russland, Norwegen und den Niederlanden. Seit dem Wegfall großer russischer Liefermengen und dem Ende den Gasproduktion in Groningen (NL) haben sich die Bedingungen grundlegend verändert. Im Podcast beziffert Möhring den LNG-Anteil an der europäischen Gasversorgung inzwischen auf mehr als 50 Prozent.
Anders als Pipelinegas lässt sich LNG grundsätzlich auch in andere Weltregionen liefern. Die EU konkurriert deshalb mit anderen Abnehmern um verfügbare Mengen. Möhring bezweifelt, dass Europa allein aufgrund seiner Marktgröße den eigenen regulatorischen Zeitplan international durchsetzen kann.
Aus seiner Sicht hätte die EU die Anforderungen angesichts dieser veränderten Marktbedingungen stärker gemeinsam mit wichtigen Lieferländern entwickeln müssen. Statt einseitig Regeln vorzugeben, plädiert er für eine international abgestimmte Lösung.
Warum ist die EU-Methanverordnung politisch umstritten?
Die Verringerung von Methanemissionen ist ein wichtiges Ziel der europäischen Klimapolitik. Umstritten ist jedoch, wie die Anforderungen umgesetzt werden sollen und welche Folgen sie für die Erdgasversorgung haben könnten.
Im Podcast verdeutlicht Möhring diesen Konflikt anhand unterschiedlicher Positionen innerhalb der Bundesregierung. Während Umweltminister Carsten Schneider auf die Möglichkeit der EU verweist, mit ihrer Marktgröße internationale Standards durchzusetzen, setzt sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nach Möhrings Darstellung für Anpassungen ein, um langfristige Erdgasimporte abzusichern.
Möhring kritisiert, dass bei einer konsequenten Durchsetzung der Methanvorgaben die technischen Möglichkeiten, wirtschaftlichen Folgen und internationalen Marktbedingungen aus seiner Sicht zu wenig berücksichtigt werden könnten. Die Frage sei nicht allein, wie sich Methanemissionen verringern lassen, sondern auch, wie Deutschland und Europa während der weiteren Nutzung von Erdgas eine sichere und bezahlbare Versorgung gewährleisten können.
Er fordert deshalb politische Beweglichkeit. An der Reduzierung von Methanemissionen festzuhalten bedeute aus seiner Sicht nicht, dass jede einzelne Vorgabe oder der ursprüngliche Zeitplan unverändert bleiben müsse. Entscheidend sei, die Regelungen an den Erfahrungen aus der Praxis und den veränderten Marktbedingungen auszurichten.
Welche Änderungen könnten die Umsetzung der Methanverordnung erleichtern?
Möhring fordert zunächst mehr Klarheit bei Zuständigkeiten, Prüfverfahren und konkreten Anforderungen innerhalb Deutschlands. Probleme, die sich erst in der praktischen Anwendung zeigen, müssten ernst genommen und möglichst schnell behoben werden.
Für die Importregeln verweist er auf den Vorschlag mehrerer EU-Mitgliedstaaten, die Verpflichtungen für Importeure um drei Jahre zu verschieben. Eine solche Verschiebung könnte aus seiner Sicht Zeit für praktikable Lösungen schaffen. Eine bloße Aussetzung von Bußgeldern bei fortbestehender Nichterfüllung hält er dagegen nicht für ausreichend, weil Unternehmen auch aus rechtlichen und wirtschaftlichen Gründen auf regelkonforme Lieferungen angewiesen sind.
Darüber hinaus spricht sich Möhring dafür aus, wichtige internationale Lieferländer stärker einzubeziehen und in einem kollaborativen Ansatz möglichst gemeinsam anwendbare Regeln zu entwickeln. Aus seiner Sicht müssen die Anforderungen nicht nur klimapolitisch sinnvoll, sondern auch im internationalen Erdgasmarkt umsetzbar sein.
Warum sind faire Wettbewerbsbedingungen für heimische und internationale Gasproduzenten wichtig?
Die EU-Methanverordnung betrifft sowohl die Gasproduktion innerhalb Europas als auch Erdgasimporte. Werden Anforderungen für internationale Lieferanten angepasst, stellt sich deshalb die Frage, ob vergleichbare Änderungen auch für heimische Produzenten erforderlich sind.
Möhring fordert, dass bei möglichen Erleichterungen für internationale Lieferanten auch die Anforderungen an europäische Produzenten überprüft werden. Sein Maßstab sind vergleichbare Wettbewerbsbedingungen: Heimische Unternehmen sollten aus seiner Sicht nicht strengeren Vorgaben unterliegen als internationale Wettbewerber.
Gleichzeitig plädiert er dafür, die Anforderungen an die Überwachung der deutschen Gasinfrastruktur auf ihre Verhältnismäßigkeit zu prüfen. Dazu gehören beispielsweise die Häufigkeit von Messungen und der Aufwand einzelner Maßnahmen zur Emissionsminderung.
Sein Ziel ist eine Regulierung, die wirksam Methanemissionen reduziert, ohne unnötige Bürokratie aufzubauen. Andernfalls bestehe aus seiner Sicht die Gefahr, dass der zusätzliche Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zum tatsächlichen Klimaeffekt steht.
Die EU-Methanverordnung verfolgt das Ziel, Methanemissionen entlang der gesamten Erdgaslieferkette zu verringern. In der Umsetzung zeigen sich jedoch erhebliche Herausforderungen – von ungeklärten Zuständigkeiten und fehlenden Prüfstellen in Deutschland bis zu Konflikten mit internationalen Erdgaslieferländern.
Möhring unterstützt die klimapolitische Zielsetzung, sieht aber die Gefahr, dass die EU ihre Möglichkeiten zur Durchsetzung der Anforderungen unter den veränderten Bedingungen des globalen Gasmarktes überschätzt. Europa ist heute stärker auf international gehandeltes LNG angewiesen und konkurriert mit anderen Weltregionen um Liefermengen. Daraus ergeben sich nach seiner Einschätzung Grenzen für die einseitige Durchsetzung europäischer Vorgaben.
Seine Forderung lautet deshalb, die Methanverordnung konsequent auf ihre praktische Umsetzbarkeit zu überprüfen. Dazu gehören klare Regeln in Deutschland, verhältnismäßige Anforderungen, faire Wettbewerbsbedingungen und eine stärkere von Kollaboration getragene Zusammenarbeit mit internationalen Lieferländern. Für Möhring ist entscheidend, die Reduzierung von Methanemissionen mit einer sicheren und bezahlbaren Erdgasversorgung zu verbinden.