Klimaschutz ist kein Wunschkonzert

Die intensiven Klimaschutzbemühungen in Deutschland zeigen Wirkung, aber sie reichen noch nicht aus. Die Aufgabe ist zu gewaltig. Es wird immer deutlicher, dass der Klimaschutz nicht warten kann, und Lösungen, die die insgesamt notwendigen Einsparungen an Treibhausgasemissionen sicherstellen, sind komplexer als vielen lieb ist. Hier muss umfassender agiert, hier muss umgedacht werden – die neue Bundesregierung kann diese Gelegenheit nutzen. 

Die Einschläge kommen dichter: zwar wurde durch die geringeren CO2-Emissionen im Corona-Jahr 2020 das 40%-Einsparziel (verglichen mit 1990) erreicht. Aber die Zahlen des ersten Halbjahres 2021 von der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) zeigen, dass es sich um einen Einmaleffekt gehandelt hat. Wie zu erwarten, nähern sich die Emissionen wieder dem früheren Niveau. Das Bundesverfassungsgericht mahnt im Interesse nachfolgender Generationen konkretere Schritte an. Doch der unerlässliche Ausbau von Windenergie und Photovoltaik stockt ebenso wie der Ausbau der Infrastruktur. Wenn global weiterhin auf dem aktuellen Niveau CO2 emittiert wird, werden wir bereits in den 2030er Jahren das kumulative CO2-Budget für dieses Jahrhundert erschöpft und damit das 2-Grad-Ziel verfehlt haben.

Schauen wir nach vorne: wenn Ziele nicht erreicht werden, genügt es leider nur selten, einfach die bisherige Strategie noch entschlossener und intensiver fortzusetzen, und noch höhere Ziele zu verkünden. Dabei ist durchaus richtig: wir brauchen beschleunigte CO2-Einsparung und wir brauchen mehr Strom aus erneuerbaren Energien. Aber dieser Fokus auf den Ausbau erneuerbarer Energien allein beantwortet die Frage nach dem erfolgreichen Weg in die Klimaneutralität nicht. An dieser zentralen Stelle muss umfassender agiert werden, denn die Strategie, alle wesentlichen Klima-Herausforderungen über den Ausbau von erneuerbaren Energien zu lösen, wird nicht aufgehen können, erst recht nicht in dem engen Zeitfenster. Die Einsparung von Treibhausgasemissionen steht im Mittelpunkt der Klimaschutzstrategie; der unabdingbare Ausbau der erneuerbaren Energien ist letztlich Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. Wenn dieses Mittel allein aber bei aller Bemühung nicht zum Ziel führt, müssen weitere Pfade eröffnet werden.

Der Energiebedarf ist schlicht zu hoch, global wird er weiter wachsen: in Deutschland ist der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch weiterhin unter 20%, wobei Strom aus Wind und Sonne weniger als 10 Prozent abdecken. Öl und Gas stellen weiterhin rund 60% des Primärenergiebedarfs. Um ein Gefühl im globalen Kontext zu bekommen: die weltweite Erzeugung von Energie aus Wind und Sonne war im Jahr 2019 geringer als der gesamte deutsche Endenergieverbrauch von rund 2.500 TWh. Dies ist kein Plädoyer für die Erhaltung von Marktanteilen von Öl und Gas; es beschreibt allein die Größe die Aufgabe, wenn erfolgreich Klimaschutz betrieben werden soll.

Dabei ist die politische Entschlossenheit zum Ausbau der erneuerbaren Energien richtig und konsequent. Daneben gehört aber eine weitere Säule, die mit derselben Entschlossenheit auszubauen ist: klimaneutrale Energiemoleküle, also insbesondere Wasserstoff. Und zwar nicht als „Champagner“ der Energiewende, sondern im großen Maßstab, der es erlaubt, nicht nur einzelne Industrieunternehmen, sondern auch im Wärmemarkt und im Transportsektor neben Stromlösungen für klimaneutrale Lösungen zu sorgen. Dies ist kein Verdrängungswettbewerb zwischen erneuerbarem Strom und Wasserstoff; denn der Bedarf nach (klimaneutraler) Energie ist enorm. Wir brauchen beide Energieformen.

Wenn aber klimaneutraler Wasserstoff – wie man lesen kann – „das neue Öl“, also die wesentliche zweite Säule der Energieversorgung werden soll, werden große Mengen davon benötigt. Wer ernsthaft einen zügigen Hochlauf der Wasserstoff-Wirtschaft verfolgt, kommt an erdgasbasierter Erzeugung nicht vorbei; grüner Wasserstoff aus erneuerbarer Energie wird nicht ausreichend zur Verfügung stehen: der Ausbau von Elektrolyseuren und von dafür benötigtem erneuerbarem Strom wird nicht genügen können, wie auch die Nationale Wasserstoffstrategie belegt. Im Übrigen wird erneuerbarer Strom schon aus Effizienzgründen in erster Linie in der direkten Stromanwendung zum Einsatz kommen. Diese Nutzungskonkurrenz erschwert den schnellen Hochlauf von grünem Wasserstoff zusätzlich. Mit blauem oder türkisen Wasserstoff auf Erdgasbasis stehen weitestgehend klimaneutrale Lösungen zur Verfügung, die Lücke für den schnellen Hochlauf zu füllen. Diese Lücke stattdessen oder in wesentlichen Teilen über Importe füllen zu können, ist auf absehbare Zeit nicht offensichtlich. Der Aufbau von Importstrukturen für Wasserstoff wird eine große internationale Aufgabe, die viele Jahre in Anspruch nehmen wird, da die gesamte Lieferkette – von der Produktion bis zu den Märkten – neu zu entwickeln ist. Diese Aufgabe sollte gleichwohl bereits jetzt konkret und mit Hochdruck angegangen werden.

In einer ideologie-befreiten Debatte ließe sich auch regulatorisch sicherstellen, dass der Ausbau von blauem oder türkisen Wasserstoff nicht zu Lasten des grünen Wasserstoffs geht. So könnte Planungssicherheit nicht nur in der Erzeugung hergestellt werden, sondern auch Vertrauen der großen potenziellen Wasserstoffanwender, insbesondere in der Großindustrie. Es ist davon auszugehen, dass der Nationale Wasserstoffrat hier für einige Klarheit sorgen wird.

Andere Länder, z.B. die Niederlande oder Japan, machen uns vor, wie Wasserstoff wirklich „groß“ gedacht wird. Deutschland ist schon auf Grund der internationalen Verflechtungen gut beraten, sich das sehr genau anzuschauen. Der technologische Fokus auf die Herstellung von grünem Wasserstoff steht nicht im Widerspruch zu einem beschleunigten Hochlauf der Wasserstoffindustrie durch Nutzung von blauem oder türkisen Wasserstoff. Die Arten der Erzeugung stehen nicht im Wettbewerb, sondern die verschiedenen Technologien lassen sich gemeinsam entwickeln; Erdgas-basierter klimaneutraler Wasserstoff hat dabei eine Brückenfunktion mit Blick auf den Ausbau grünen Wasserstoffs. Es geht nicht um „entweder-oder“, sondern um ein integriert konzipiertes Miteinander. Klimaschutz ist kein Wunschkonzert.