Bild der Wissenschaft: Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften

In einem sehr lesenswerten Interview mit Bild der Wissenschaft bezieht Prof. Reinhard Hüttl, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, Stellung zum Fracking, zu Industrie 4.0 und zur Situation des Mittelstandes.

Prof. Hüttl - Foto: acatech/D. Ausserhofer

Nachfolgend ein paar Auszüge, das komplette Interview finden Sie hier und in der Printausgabe 06/2016 von Bild der Wissenschaft, die Sie z.B. hier erwerben können.

Frage von Bild der Wissenschaft: Zum Fracking hat acatech im Mai 2015 ein Positionspapier vorgelegt, in dem darauf ­verwiesen wird, dass durch Testprojekte ­Erfahrungen gesammelt und Risiken besser beurteilt werden könnten. Die Bundesregierung hat sich dagegen von dieser Techno­lo­gie weitgehend distanziert. Offensichtlich hat Ihre Studie nicht gefruchtet.

Prof. Hüttl: Die politische Entscheidung steht noch aus. Jedenfalls gingen vor sechs Jahren Bilder des brennenden Wasserhahns durch alle Medien und wurden zum Symbol der Fracking-Risiken. Die US-Dokumentation wurde ­sogar für einen Oskar nominiert. Hierzu haben wir die Forschung detailliert gesichtet. Wir konnten wissenschaftlich belegen, dass diese brennenden Wasser­hähne nicht auf Fracking-Erdgas beruhten. Tatsächlich handelte es sich um Gase, die in Moor- und Torfgebieten natürlicherweise auftreten. Mehr noch, es stellte sich heraus, dass das US-Filmteam um die natürliche Ur­sache hinter dem Phänomen "brennender Wasserhahn" wusste. Auch die ARD-Sendung Panorama hatte zunächst über die brennenden Wasserhähne als Fracking-Risiko berichtet, dann aber für eine spätere Sendung mit uns zusammengearbeitet und die Ursache der brennenden Wasserhähne richtiggestellt. Doch wenn solche Bilder einmal in der Welt sind, bekommen sie eine Eigendynamik. Dafür sorgt schon das Internet. Und irgendwann paust sich das bis in die Politik durch, sodass selbst Forschung zum Hydraulic Fracturing nicht mehr gewünscht ist.

Frage von Bild der Wissenschaft: Gegenwärtig gibt es fossile Brennstoffe im Übermaß. Und sie sind kostengünstiger denn je. Warum also sollte die Politik mit Fracking ein neues Fass aufmachen?

Prof. Hüttl: Wir decken gegenwärtig elf Prozent unseres Erdgas­bedarfs aus heimischen Quellen. Nach einer aktuellen Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe könnten wir diesen Anteil mittels Fracking über 100 Jahre halten – also durch eine Technologie, die bei der Förderung von Tight-Gas in den vergangenen Jahrzehnten allein in Deutschland mehr als 300 Mal ohne Probleme eingesetzt wurde. Verzichten wir darauf, sind die heimischen Gasquellen vermutlich schon in zehn Jahren erschöpft. Dann wäre Deutschland vollständig abhängig von Gasimporten aus dem Ausland. Doch letztlich geht es hier um mehr als um Fracking, nämlich um die wirtschaftliche Nutzung des unterirdischen Raumes. Wie kann eine Gesellschaft, in der schon die Erforschung des Fracking so schwer möglich ist, jemals zu einer Entscheidung über ein ­atomares Endlager finden?

Frage von Bild der Wissenschaft: Sind das Auslösen einer neuen gesellschaftlichen Kontroverse und die Beseitigung eines aktuellen Problems nicht zwei Paar Stiefel?

Prof. Hüttl: Fast keine Technologie ist für die Energiewende alternativlos. Eine Ausnahme sind flexible Gaskraftwerke, zumindest für eine längere Übergangsphase, denn wir brauchen sie zur Absicherung der Grundlast. Dafür nur auf Gasimporte zu setzen und damit Umweltprobleme zu externalisieren, finde ich problematisch. Weil es ­sowohl beim Fracking als auch bei einem atomaren End­lager um die Nutzung des geologischen Untergrunds geht, sehe ich die Fracking-Debatte durchaus als ­Vorgeschmack auf die Endlager-Debatte. Wohl­gemerkt: Die Gesellschaft entscheidet – und die Wissenschaft muss akzeptieren, dass sich Gesellschaft und Politik gegen eine Technologie entscheiden. Die Fronten sollten sich jedoch nicht derart verhärten, dass die Wissenschaft nur mühevoll Gehör findet oder sogar die Erforschung einer neuen Technologie unmöglich wird. Es ist doch vielmehr so, dass erst die ­Forschung Optionen eröffnet, die dann eine adäquate Grundlage für gesellschaftspolitische Entscheidungen darstellen. Diese Entscheidungen können dann so oder so getroffen werden.